URL: www.caritas-karlsruhe.de/aktuelles/presse/aus-fluechtlingen-werden-jobberater
Stand: 20.04.2017

Pressemitteilung

Aus Flüchtlingen werden Jobberater

Flüchtlingsporträt St. Hildegard

Buntes Stimmengewirr hallt durch die Gänge. Geschirr klappert. Es ist Abendessenzeit im Gästehaus St. Hildegard. Im Speiseraum haben auch Ammar und Ahmad Platz genommen, sie essen vegetarische Pizza und scherzen mit ihren Tischnachbarn, einer jungen Europäerin und einem Afrikaner. Sie sprechen Deutsch miteinander, manchmal auch Englisch, wenn die Vokabeln fehlen. Für Ammar und Ahmad ist das Jugendgästehaus St. Hildegard in der Südstadt ein Zuhause auf Zeit.

Die beiden Syrer machen eine Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen - Ammar (28) bei der Agentur für Arbeit in Freiburg, Ahmad (31) in Stuttgart. Der mehrwöchige Blockunterricht findet für die Azubis mehrmals im Jahr in Karlsruhe statt, für diese Zeit ziehen sie in die bunte Wohngemeinschaft im Jugendwohnheim der Caritas ein. 100 Plätze bietet es. Daneben betreibt die Caritas das Kettelerheim mit 80 Wohnplätzen in der Bismarckstraße. Gut 80 Prozent der Gäste von St. Hildegard sind "Blockschüler" - also Auszubildende, die nicht aus Karlsruhe stammen, hier aber ihren Schulunterricht haben. Rund ein Viertel der Bewohner ist minderjährig. Für die Leiterin des Jugendgästehauses St. Hildegard, Valentina An, und ihr Team bedeutet das Betreuung rund um die Uhr. "Es muss immer pädagogisches Fachpersonal als Ansprechpartner da sein", sagt An. Mehr noch: Die Mitarbeiter organisieren Freizeit- und Bildungsangebote. Es gibt eine Gesundheits- und Drogenprävention sowie Projekte zur Förderung sozialer Kompetenzen wie beispielsweise der Umgang mit Konflikten oder Stressbewältigung.

Seit 2015 hat sich die Situation verändert: "Etwa zehn Prozent der Auszubildenden, die zu uns kommen, sind inzwischen junge Menschen mit Fluchterfahrung", sagt An. Bei ihnen sei der Betreu-ungsbedarf noch viel höher - angefangen bei der Sprachförderung, über die Begleitung ins Arbeitsleben bis zu psycho-sozialen Betreuung. Seit Mitte Januar gibt es deshalb eine auf zwei Jahre befristete Projektstelle für die pädagogische  Betreuung  dieser besonderen Azubis. Die Mittel dafür stammen aus dem Bischofsfonds des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg.

Sprachförderung steht bei Ammar und Ahmad nicht an erster Stelle. Seit 2015 Jahren sind die beiden in Deutschland. Sie sprechen inzwischen ziemlich gut Deutsch, Ammar sogar mit einem leicht schwäbischen Einschlag. Statt Deutschvokabeln büffeln sie vor allem die Paragrafen des Sozialgesetzbuchs. Ammar und Ahmad - der eine extrovertiert, ein Spaßvogel, der andere eher zurückhaltend und besonnen. Beide sind vor dem Krieg in Syrien geflohen, beide wissen nicht, wann sie wieder ihre Familie sehen werden. Ein Zurück in die zerbombte Heimat kommt für sie nicht in Frage. Nicht mit Assad an der Macht, sagen beide. Einen Studienabschluss hat Ammar bereits in der Tasche. "Ich habe Bank- und Finanzwesen studiert", erzählt der 28-Jährige aus Latakia, wo er mit zwei Schwestern und zwei Brüdern aufwuchs. Als er eine Einberufung zum Militär erhält, entscheidet er sich zu fliehen. "Ich wollte nicht zu Assad und in den Krieg", sagt Ammar und schüttelt den Kopf. Stattdessen steigt er in einen Bus Richtung Libanon, dann weiter in die Türkei. Von dort bringen ihn Schlepper mit einem kleinen Boot über das Mittelmeer nach Griechenland. Er schlägt sich über Mazedonien und Serbien nach Ungarn durch. Er wird verhaftet, landet für einige Tage im Gefängnis und wird zurück nach Serbien geschickt. Er versucht es ein zweites Mal und schafft es schließlich von Ungarn über Österreich nach Deutschland, versteckt in einem Zug. "Ich hatte kein Geld mehr für eine Fahrkarte." Heute lebt er in Hardt, einem kleinen Dorf bei Rottweil. Er spielt dort in der Fußballmannschaft mit ("ich bin der einzige Ausländer") und ist integriert. Der Bürgermeister schenkte ihm eine Eintrittskarte für ein Spiel von Bayern München und erfüllte Ammar damit einen Kindheitstraum. "Am Anfang war ich sehr skeptisch, aber heute denke ich, das kleine Dorf war genau das Richtige", sagt Ammar rückblickend. Ehrenamtliche Helfer organisieten für ihn und die anderen Syrer ("wir waren 16 Männer in einem Haus") Sprachunterricht und kümmerten sich um sie. Inzwischen lebt Ammar in einer kleinen eigenen Wohnung. "Ich habe vorher noch nie im Leben Schnee gesehen, jetzt muss ich schaufeln", sagt er und muss lachen.

Ahmad schließt sein Jurastudium 2011 ab. Er hat gerade den ersten Monat seiner Wehrdienstpflicht absolviert, als der Krieg in Syrien ausbricht. Er macht die Wehrpflicht, dann will er aber weg, er will nicht in die Armee. Der heute 31-Jährige wird von der Militärpolizei verhaftet. "Man warf mir vor, ich hätte Kontakte zu Rebellen", sagt Ahmad und zum ersten Mal versagt seine Stimme. Er knetet nervös seine Hände. Seine Augen füllen sich mit Tränen, als er von den drei Monaten Gefängnis erzählt, von Folter, von Schmerzen und Hunger. Ein Bekannter seines Vaters, der selbst Militärpilot war, setzt sich schließlich für seine Entlassung ein. Nach zwei Tagen zu Hause steht auch für ihn fest: Nur weg aus Syrien. Jemand bringt ihn in den Libanon. Ahmad hat keine Papiere. "Die hatten sie mir beim Militär weggenommen. Ich hatte nur meinen Militärausweis." Zwei Jahre schlägt sich der Syrer aus Damaskus im Libanon mit Hilfe eines Onkels und Cousins durch, die dort eine kleine Firma betreiben. Nach Deutschland schafft er es schließlich über ein UN-Programm. "Es sollten 10 000 Flüchtlinge aufgenommen werden - Voraussetzung war, dass man einen Verwandten oder Bekannten in Deutschland hatte", berichtet Ahmad. Er hat eine Tante in Deutschland und beantragt die Papiere. Trotzdem läuft vieles zunächst nicht rund, schließlich hält Ahmad aber endlich alle notwendigen Papiere in den Händen und steigt in den Flieger - ganz legal. Heute lebt er in Mundelsheim bei Ludwigsburg. Als Jurist zu arbeiten, war ihm nicht möglich. Bei einer Ausbildungsmesse spricht er an einem Stand der
Agentur für Arbeit mit einem Berater. Er bewirbt sich und wird zum Kennenlerngespräch eingeladen, das für ihn sehr positiv verläuft. "Ich hatte sehr viel Glück und habe dort viel Hilfe bekommen", sagt Ahmad, der Mitglied beim Freundeskreis Asyl ist. Jetzt hilft er anderen.

Patrizia Kaluzny, BNN


Copyright: © caritas  2018