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Stand: 08.06.2018

Pressemitteilung

Es zählt die Bedürftigkeit, nicht Nationalität

BSF Tafel

Eines gleich vorweg: Den Aufnahmestopp für Flüchtlinge und Ausländer bei der Essenerhalten die beiden Marktleiter Ronny Strobel und Ralph Beck der Beiertheimer Tafel in Karlsruhe nicht für gut Bekanntlich ist die Tafel im Ruhrgebiet in die Schlagzeilen geraten, täglich wird über das Für und Wider der Maßnahme in der Republik diskutiert.

Dabei Ist die Hilfsorganisation in Essen nur eine von fast 1000 Tafeln in Deutschland, die rund 1,5 Millionen Menschen, denen das Geld für das Nötigste fehlt, mit Lebensmitteln versogen. Zudem erhalten Ein-Euro-Jobber bei der Mitarbeit, in der Tafel neue Perspektiven, "Das hätte man sicher anders regeln können. Für uns hier in Karlsruhe zählt die Bedürftigkeit. Die Nation spielt keine Rolle", sagt Beck.

Damit es nicht zu "Ellbogenkämpfen", wer denn das letzte Stück Fleisch ergattert, kommt, müsse man eine entsprechende Systematik im Vorfeld schaffen. "Bei uns ist das so, bevor die Tafel öffnet, wird die Reihenfolge verlost, wer wann in den Markt rein darf. Dadurch haben wir kein Gedrängel. Jeder weiß, in etwa, wann er drankommt. Früher standen die Leute schon Stunden vorher an, um als Erster in der Schlange zu stehen. Das ist vorbei. Zudem schauen wir, dass immer eine überschaubare Menge von Leuten im Markt einkauft", erläutert Strobel. Allerdings könne er nicht für die "Essener Tafel" sprechen, fügt er hinzu. Schließlich sei die Situation in der Fächerstadl eine ganz andere.

Während in Essen von einem Ausländeranteil von 75 Prozent die Rede ist, sind es Beiertheim gerade mal fünf Prozent. Das liegt daran, dass sich in Karlsruhe mit der Landeserstaufnahmestelle (LEA) die zentrale Annahmestelle für Baden-Württemberg befindet, welche die Ankommenden über das Land verteilt. Allzu lange verweilt kaum jemand in Karlsruhe, Es gibt etwas ganz anderes, was die beiden Marktleiter umtreibt: die zunehmende Altersarmut. "Das wird immer schlimmer. Wir hatten gerade einen Mann, der hat fast 50 Jahre gearbeitet und seine Steuern bezahlt hat. Nun bekommt er gerade mal Hartz-IV-Satz. Der Mann hat wie viele im Billiglohnsektor gearbeitet. Menschen mit prekären Jobs gehen in den nächsten Jahren immer häufiger in Rente und dann wird es heftig. Die Politik hat dafür offensichtlich keine Lösungen parat", sagt Strobel.

2016 seien rund 20 Prozent ihrer Kunden Pensionäre mit geringer Rente gewesen, jetzt zu Beginn 2018 seien es bereits mehr als 30 Prozent. Die Tafel im Karlsruher Südwesten ist neben der Durlacher Tafel und der Karlsruher Tafel am Rheinhafen eine von dreien in der Stadt. Rund 1500 Kunden hat die Beiertheimer Tafel. Sie sind Bezieher von Arbeitslosengeld II, Sozialgeld oder Grundsicherung, zudem Menschen in besonderen Notlagen. Bevor sie erstmalig einkaufen, erhalten sie nach Prüfung ihrer Unterlagen eine Kundenkarte.
Da in Beiertheim täglich geöffnet ist. kommen viele auch aus weiter entfernten Stadtvierteln. "Wir legen Wert auf ein Einkaufserlebnis. Woanders gibt es beispielsweise einmal die Woche eine Ausgabe. Bei uns kann der Kunde selbstständig die von ihm ausgesuchten Waren in den Korb legen", berichtet der 60-Jährige Beck. Für den voll bepackten Korb entrichtet der Kunde einen Obolus zwischen zwei und drei Euro. Der Kunde solle keine Almosen erhalten, sondern das Gefühl bekommen selbst etwas von seinem Geld eingekauft zu haben.
Die von der Caritas betriebene Tafel, ist zudem Logistiker für die anderen Tafeln der Fächerstadt inklusive Ettlingen. Täglich werden 70 Supermärkte und Geschäfte sowie zwölf Kirchengemeinden für die kostenlos abgegebenen Waren angefahren. Zudem steuern die Karlsruher zweimal die Woche das benachbarte Fleischwerk in Rheinstetten an. Falls mal von einer Ware etwas zu viel da ist, gehen diese an die Bahnhofsmission oder Frauenhäuser. Und als letzte in der Nahrungskelle profitieren auch Gnadenhöfe oder der Zoo von der umtriebigen Arbeit der rund 40 Tafel-Mitarbeiter, die sich aus einem Pool von Ein-Euro-Jobbern, Menschen mit Behinderung und Ehrenamtlichen speisen. "Gerade auch für unsere Mitarbeiter ist es wichtig, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die meisten sind über 50", sagen die beiden Leiter unisono.

Volker Knopf, Rheinpfalz


 



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